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Lange Rede - kurze Hose:
Es war der 24. Juni des Jahres 2007.

Niemals werde ich diesen Augenblick vergessen. Diesen Augenblick an einem Sonntagmorgen, der alles was sich in meinem Leben davor abgespielt hatte in einem anderen Licht erscheinen und meinem weiteren Leben eine andere Wendung und Wertung geben lies. Es war ein kurzer Augenblick nur, der mir dennoch wie eine Ewigkeit vorkam. Immer noch saß ich, lediglich in T-Shirt und Boxershorts bekleidet, auf unserer Wohnzimmercouch und starrte ins Leere. Meine Gänsehaut, mein Hühnerfell hatte jedoch herzlich wenig mit meiner dezenten Nachtbekleidung zu tun die dem Adamskostüm sehr nahe kam. Ein kalter Schauer durchfuhr meinen ganzen Körper. Und dann noch einer.
Noch einer. Selbst meine zwei Katzen schienen etwas Ungewöhnliches zu wittern und ließen mich für diesen einen Moment ganz alleine. Im Hintergrund hörte ich dumpf einen Piepmatz im Garten sein morgendliches Vogellied zwitschern. Sicherlich hatte er das neue Futter in der Einkaufstüte dabei und rief nun seine quicklebendigen und hungrigen Zeisig-Jungtiere. Das wundervolle Spiel der Natur, es war mir gerade total egal! Mein Blick streifte noch einmal mein Handy, welches kalt, reg- und tonlos neben mir lag. Ein heller Sonnenstrahl der durch das Velux-Fenster einfiel sorgte dafür, dass das Display silbrig glänzte. Für einem Moment lang stand die Welt still. Kein Gedanke drang in diesem Moment noch an mich heran. Nur Leere. Stille. Totenstille. Ich schaffte es nicht einmal eine Träne zu verdrücken. Meine Wangen blieben trocken und kalt. Nichts ging mehr. Ich war wie paralysiert. Ein schlechter Traum?

Vor nicht einmal fünf Minuten war ich aufgestanden. Die Uhrzeit hervorragend um einen perfekten, sommerlich-sonnigen Sonntag vollends ausnutzen zu können. Den kompletten Samstag hatte ich in der altehrwürdigen Kampfbahn Glückauf verbracht, bei einem Fußballturnier der Gelsen-Szene. Ein sehr feiner Tag war es gewesen. Wetter gut, Stimmung gut, Leute gut, alles gut. Mit unserer Mannschaft vom Supporters Club e.V. rund um Deppi, Schlammi, Düse, Monse, Papier-Papies, Schwenzbombe, Ralli dem Ägypter, Otto, Karla und meiner Wenigkeit verloren wir erst im Finale, beim Elfmeterschiessen, knapp gegen die Jungs von "Blue-Power Ückendorf".

Danach hatten wir noch ein, zwei - vielleicht waren es zum Schluss auch drei - Bier gemeinsam getrunken, nach einem anstrengenden Tag jedoch relativ frühzeitig den Heimweg angetreten. Man(n) wird halt älter! Ich schaute mir von der heimischen Couch aus, nachdem Gottschalk mal wieder überzogen hatte, noch das Aktuelle Sport-Studio an und stempelte dann die Bettkarte.

Dafür nun, am heutigen Morgen, die Belohnung. Oli4 topfit! "Was fangen wir nun mit diesem tollen Tag an? Ein langer Lauf? Oder eine Radtour auf dem Renner? Mal schauen." Ich schaltete mein Handy an um den einen oder anderen Mitstreiter für den gemeinsamen Ausdauersport zu gewinnen. In dem Moment in dem mein Handy mein vierstelliges Passwort
akzeptierte, rutschte mir ein erstes Mal das Herz in die Hose. Noch halb schlaftrunken setzte ich mich vorsorglich hin. Innerhalb nur weniger Sekunden erreichten mich fünf SMS-Nachrichten. Alle mit dem ähnlichen Wortlaut. Sofortiger Rückruf erwünscht. Es ist etwas Schreckliches passiert! "Ach du blaue Viere, das kann ja nichts Gutes bedeuten!" Mit zittrigen Fingern wählte ich Düses Nummer, er hatte als Erster versucht mich zu erreichen. Keine zwei Sekunden später hatte ich ihn an der Strippe. Niemals werde ich die Chronologie, die Spannung, die Intensität der folgenden Sekunden vergessen.

"Watt is los Düse?".
"Moin Olli, setz' Dich mal hin, is' watt schlimmet passiert". In diesem Moment konnte ich meine Ratio noch einschalten und mir gingen innerhalb von Sekundenbruchteilen verschiedene abstruse, jedoch realistische Szenarien durch den Kopf. Als allererstes natürlich das Fußballturnier.
Vielleicht waren die Jungs doch noch länger da geblieben und irgendwer hatte sich irgendwie verletzt, war unglücklich gefallen, was auch immer. Weiter kamen meine Gedanken nicht mehr. Die Worte die folgen sollten schwirren jedoch heute noch in meinem Kopf herum, trafen mich mit besagtem Vorschlaghammer. Quatsch, mit der vollen Wucht eines Meteoritenaufpralls.
Düses Stimme hörte sich auf jeden Fall gar nicht gut an.

"Olli, der Otto ist heute Nacht verstorben". Pause. Stille. Totenstille.

Natürlich macht man mit so etwas keinen Scherz. Wie makaber! Das war mir auch sofort klar. Trotzdem war es in diesem ersten Moment der einzige klare und vernünftige Gedanke der mir durch den Kopf ging. Otto tot? Geht doch gar nicht! Wir haben doch vor nicht einmal zehn Stunden noch gemeinsam in Szepan und Kuzorras Wohnzimmer gegen die Kugel gekickt, gemeinsam gelacht.

"Wie, der Otto ist tot?", fragte ich. Mir fiel in dem Moment leider echt nichts Besseres ein. Düse leider - oder Gott sei Dank - auch nicht. Ich war sprachlos - und das passiert mir nicht wirklich oft. Was kann denn da nur passiert sein? Ein Unfall? Was in Herrgottes Namen, waaaaas ist passiert? Tage später wurde mir klar, dass gerade diese Frage die unsinnigste aller Fragen in diesem Moment, aber auch in der Zeit der Trauer ist und war. Was passiert ist, ist egal. Otto ist nicht mehr!
"Otto hat einen Herzinfarkt erlitten. Gestern Abend noch, kurz nachdem wir alle vom Turnier abgehauen sind. Bei Steffi auf der Couch, daheim. Der Notarzt konnte nichts mehr machen. Mehr kann ich Dir auch nicht sagen". Das reichte aber auch.
Stille. Leere. Fassungslosigkeit.
"Danke Düse. Ich melde mich später noch einmal."

Selbst bei nachträglicher Betrachtung erscheint mir die Situation immer noch so surrealistisch. Ich war wie in Trance. Ich glaube ernsthaft, dass ich in diesen furchtbaren Minuten darauf gehofft habe, es kämen Kurt und Paola um die Ecke und würden mir die versteckte Kamera zeigen. "Das kann doch einfach nicht sein! Es muss sich hierbei um den berühmt-berüchtigten schlechten Traum handeln. Es muss doch gleich jemand um die Ecke kommen und dieses unglaubliche Missverständnis aufklären. Ja, genau, es handelt sich hier um einen eklatanten, um einen schrecklichen Fehler der Ablebeabteilung des Herrgottes persönlich, um einen Irrtum historischen Ausmaßes". Ich kam mir vor wie in einem dieser abstrusen Träume, einem dieser Träume in denen man nicht von der Stelle kommt, einem dieser Träume in denen man plötzlich fliegen kann und man trotzdem nicht vom Fleck kommt. Die Vernunft holte mich jedoch schnell ein. Nichts von diesen wirrend Gedanken war real, wahr!

Wahr ist, wahr war: Otto, von vorne wie von hinten, ist von uns gegangen.

Jahrelang haben wir Schalke gemeinsam gelebt, gefühlt, haben wir uns gemeinsam gefreut, haben wir gemeinsam gelitten. Mit Kopf, Herz und Hand. Feierabend damit. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Nicht auf Schalke, nicht in mir, nicht im Supporters Club, nicht bei uns allen.

Ich musste an die frische Luft, zog mir - immer noch völlig von Sinnen - irgendwas über und ging spazieren. Irgendwie zog es mich magisch zur Kampfbahn. Ich setzte mich still und leise auf die menschenleere Tribüne und blickte starr auf den Kunstrasenplatz auf dem wir gestern noch gemeinsam gespielt hatten. Ich begann zu verarbeiten. Sechs, sieben Telefonate führte ich noch. Einige Leute mussten informiert werden. Es fiel mir schwer. Die Reaktion bei allen dieselbe wie bei mir. Unfassbar!

Rock' n' Roll Otto!

Inzwischen sind einige Tage vergangen und der erste Schmerz hat sich ein klein wenig gelegt. Was bleibt ist die Fassungslosigkeit. Am 23. Juni 2007 spielten Otto und wir alle noch gemeinsam Fußball, hatten zusammen großen Spaß. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni verstarb Otto, plötzlich und unerwartet mit gerade einmal 36 Jahren. Am 28. Juni begleiteten wir mit rund 300 Schalkern Otto auf dem Gang zu seinem letzten Auswärtsspiel.
Gespenstisch.

Während der herzzerreißenden Trauerzeremonie weinte der Himmel bitterlich. So wie viele andere von uns auch. Als der Trauerzug sich dann in Bewegung setzte schien dann auf einmal die Sonne. Wie sollte es auch anders sein?

Jeder Einzelne nahm für sich alleine Abschied von Otto, sprach noch einige Worte zu ihm, warf ihm ein ganz persönliches, königsblaues, Souvenir mit auf den Weg. "Grüß mir Szepan & Kuzorra schon einmal, wir sehen uns dann später wieder".
Ein Raunen ging durch die Reihen der Trauergemeinde. "Da hat doch sicher der Otto schon seine Finger mit im Spiel. Direkt unser erstes Saisonheimspiel gegen die Zecken", flüsterte mir jemand von rechts zu. Die DFL hatte gerade den Spielplan für 2007/2008 bekannt gegeben. "Ich glaube, dafür kommt Otto noch einmal kurz zurück. Das lässt er sich sicherlich nicht nehmen!" Im Anschluss an die Beisetzung trafen wir uns alle noch bei Willi im "Anno 1904". Dort wurde die Stimmung dann so langsam wieder ein wenig heiterer. "Er hätte wenigstens mal Tschüß sagen können!", hörte man uns sagen, ebenso wie: "Er hätte wenigstens seinen letzten Elfer versenken können".

Die Anteilnahme, die Betroffenheit in diesen Tagen sprengte sämtliche Grenzen. Innerhalb von nur wenigen Stunden, nachdem Öddes plötzlicher Tod bekannt wurde, verwandelte sich das offizielle Gästebuch des Supporters Clubs spontan in ein Kondolenzbuch. Freunde und Weggefährten, Schalker und Nichtschalker versuchten ihre Trauer und Bestürzung in Worte zu fassen.
Daraus wurden letztlich über 40 DIN A4-Seiten! Für das schreibfaul gewordene Volk der Dichter und Denker der pure Wahnsinn. Selbst die permanenten Dauernörgler- und Pöbler im Gästebuch hielten sich in diesen Tagen vornehm zurück und frequentierten "Ottos Seiten" nicht. Über Ottos plötzlichen und tragischen Tod berichtete der RevierSport, die WAZ, sogar die BILD-Zeitung. Otto war einen Tag lang die Headline auf der offiziellen S04-Homepage.

Für Otto wurde anlässlich des Freundschaftsspieles der Blauen bei der Spielvereinigung Herten eine Schweigeminute eingelegt.
Kapitän Fabian Ernst und Schnapper Manuel Neuer hielten dabei die "Gedenkfahne" hoch. Otto war in aller Munde. Unser Schnapper, der Otto ebenfalls persönlich kannte und sogar noch am Samstag kurzzeitig beim Turnier anwesend war, lies sein erstes offizielles "Nummer 1-Schnapper-Shirt", handsigniert, für die Grabpflege bei Ebay versteigern.
1600 kamen dabei zusammen. Seine Freunde und die Mitglieder der SC's spendeten für einen eigenen Grabstein und die Grabpflege. Hierbei kam ebenfalls eine hohe vierstellige Summe zusammen. Otto war plötzlich reich.

Otto hat vielen Menschen sehr viel bedeutet!

Was bleibt ist die Erinnerung an einen ganz, ganz feinen und liebenswerten Kerl ohne den vieles für uns auf Schalke nicht mehr so sein wird wie früher. Otto war ein Teil von uns, ein Teil des Supporters Clubs, ein Teil der Nordkurve. Egal wo die Reise mit den Knappen hinging, Otto war immer schon da. Ob Aachen oder Athen, ob Gosslar oder Gomel. "Und das soll Rio der Janeiro sein - habe ich mir viel größer vorgestellt!".

Seit der Saison 1982/1983 besuchte er mit seiner Jahreskarte alle Heimspiele unseres S04, ab 1986 fuhr er auch zu den Auswärtsspielen, seit 1992 sah er alle Spiele der Blauen. Ein Leben mit und für den FC Schalke 04. Schalke war sein Zuhause. Dort hinterlässt er nun eine Lücke, die nicht mehr geschlossen werden wird können. Dies ist keine leere und hole Phrase, so ist es. Otto spielte und spielt eine Haupttrolle in vielen unserer kleinen königsblauen Geschichten, Otto selbst war und ist ein kleines Stück Schalker Geschichte.

Ottos Tod - und ich hoffe er hat, von wo auch immer, mit einem Breitmaulfroschgrinsen im Gesicht das Treiben auf Mutter Erde, im wunderschönen Gelsenkirchen-Schalke stets im Blick, das Treiben in den Tagen nach der schrecklichen Nachricht verfolgen können - hätte ihn jedoch auch ein klein wenig mit Stolz erfüllt.
Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft im Club, in der Schalker Fanszene, war einfach unglaublich. Es hätte ihn sicherlich gefreut zu wissen, ein wichtiger Baustein, ein Teil der Schalker Vereinsfamilie gewesen zu sein. In der Großen, vor allem aber in unserer Kleinen. Und auch mir, da bin ich ehrlich, hat es ein klein wenig die Brust anschwellen lassen zu sehen, zu fühlen - wie sehr dieser lose Begriff der "Vereinsfamilie" bei uns auf Schalke immer noch mit Leben gefüllt ist. Fernab von Punktespielen und Torejagd standen Ottos Freunde, stand der Club, Seite an Seite und hat den Begriff gelebt, hat versucht diese schwere Zeit gemeinsam zu überbrücken.

Gemeinsam werden wir Dich auch weiter leben Otto. Danke an Dich, Danke an Arno und Jörg, Danke an den SC, Danke an Euch alle. Otto wäre, Otto ist sicherlich stolz auf euch, auf uns.

"Die einen sagen so, die anderen sagen so" sagte Otto immer wenn man ihn nach seiner Meinung, nach seinem Standpunkt zu gewissen Sachverhalten fragte. "Was sollen nun diese Zeilen eigentlich bedeuten" fragte ich mich vor einigen Tagen nun selbst. Natürlich ist dies meine Art und Weise Sachverhalte zu verarbeiten. Schreiben! Andere schreien lieber, andere singen vielleicht, wieder andere fressen Kummer und Leid, Sorgen und Ängste, Freude und Euphorie lieber in sich hinein. Irgendetwas muss Ottos Tod uns doch gebracht haben! Irgendwie muss doch auch ich dafür sorgen, dass wir sein Andenken bewahren.

Ich habe viel in den letzten Tagen und Wochen darüber nachgedacht und mich dazu entschlossen, in diesem Jahr, in dieser Saison, erneut ein königsblaues Tagebuch zu schreiben. In der Hoffnung, Otto möge diese Zeilen irgendwie, irgendwo vernehmen. Otto ist nicht mehr da - und doch immer anwesend. Ich werde ihn als stillen Teilnehmer unseres 104. Schalker Jahres stets bei uns wähnen.

Einmal mehr werde ich daher versuchen anhand einer Schalker Saison zu erklären, was Schalke 04 für uns bedeutet. Für uns, seine Fans, seine Mitglieder. Wir alle, Menschen wie Otto es war, sind das Fundament unseres Clubs. Tradition ist nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers! Wir sind der Mythos, die gelebte Geschichte, das Phänomen.

Schalke 04 bedeutet gerade für uns, gerade in Zeiten in denen still und leise ein Paradigmenwechsel im heutigen Fußball stattfindet, wesentlich mehr als nur der Blick in die Abschlusstabelle. Scheiß watt drauf! Wir reden von Werten und Wertevermittlung, Freundschaften, Vertrauen, Verlass.
Einer Fußballwelt wie Otto sie gesehen, geliebt und gelebt hat.

Schalke 04 bedeutete Otto, bedeutet uns, mehr als Titel und Pokale. Schalke 04 ist weit mehr als der zunehmende Einfluss des Kommerzes, der ansteigende Einfluss des Eventcharakters der uns etwas Falsches vorgaukeln möchte, hin zum Logen- und Businessevent.

Wir leben Schalke, wir sind Schalke.

Otto hat seine letzte Auswärtsreise angetreten, befindet sich nun gemeinsam mit Szepan, Kuzorra, Libuda und Co. im Schalker Fußballhimmel. Wir hingegen dürfen noch ein wenig länger auf Schalkes Erden wandeln, mit Schalke wandern. Ich nehme dich mit Otto, egal ob Auswärts - oder Zuhause.

Getreu Deinem Motto: Blau und Weiß ein Leben lang!

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